Fotografien von Maximilian Meisse
Vorwort von Hans Kollhoff
deutsch | englisch
70 farbige Abbildungen, 96 Seiten, 24 x 28 cm
Hardcover mit Schutzumschlag, EUR 29,80
Ernst Wasmuth Verlag, ISBN 978 3 8030 0748 3
© 2011 Maximilian Meisse
Das ist nicht die Museumsinsel, wie wir sie kennen. Das ist ein Gegenentwurf. Maximilian Meisse zeigt uns den Ort nicht, wie er ist, oder besser, wie wir ihn zu kennen glauben, sondern eine Vision, wie er sein könnte – oder wie er war. Er zeigt uns, dass, was wir zu kennen vermeinen, nicht die Realität sein muss. Die Realität ist wie eine Kuh, pflegte Colin Rowe zu sagen, wenn man ihr lange genug in die Augen schaut, zieht sie davon. Seit ich Maximilian Meisses Entwurf von der Museumsinsel kenne, ist das für mich die neue Realität.
Die Museumsinsel, Akropolis des zerstörten und verfallenen Spreeathen, das wir
aus den Büchern kennen - was war sie anderes als ruinöse, überaus
problematische Vergangenheit! Naziaufmarschplatz (Lustgarten), Säulenpathos
(Altes Museum), Monumentalismus (Pergamonmuseum), Eklektizismus (Alte
Nationalgalerie), Historismus (Bodemuseum) und Wilhelminismus (Dom). Durchweg
negative Assoziationen also, die auch durch neuerliche
Rückgewinnungsanstrengungen nicht vergessen sind. Ja vielleicht ist das die
historische Leistung der schmucklosen Weißbetontreppe im nackten Raum Stülers,
die Schwellenangst zu mindern und uns, eine vorurteilsbehaftete,
verängstigte Spezies, wieder an die Museumsinsel heranzuführen.
Maximilian Meisse scheint diese Vorbehalte nicht zu kennen oder er will von
ihnen nichts wissen bei seiner fotografischen Rekonstruktion. Oder aber, was
wahrscheinlicher ist, kennt er die Aversionen gegenüber der Museumsinsel sehr
genau und macht sich diesen Hintergrund zunutze für seine
fotografisch-entwurfliche Tätigkeit. Völlig unbeeindruckt von der gewöhnlichen
zeitgenössischen Rezeption, jedes Gebäude als ein Individuum zu sehen,
losgelöst von seinen Nachbarn, mit eigener Geschichte und Problematik, wagt er
eine Zusammenschau und schafft wie aus dem Nichts eine Berliner Stadtkrone,
auf die die Expressionisten so versessen waren vor der großen Zerstörung.
So sehr die Museumsinsel im Gegenüber der bürgerlichen Stadtstruktur ihre
Gestalt gewonnen hat, so sehr ist sie doch heute auf sich zurückgeworfen, mehr
denn je zur Insel geworden, der Bezugnahme auf das Schloss beraubt und damit
der Einbettung in das Achsensystem der Linden, das vom Brandenburger Tor her
über die Schlossbrücke an der Schlossfront gleichsam eine Brechung zum Alten
Museum fand. Dabei lässt sich die Museumsinsel als Sublimierung
konventioneller städtischer Architektur lesen, gleichsam als eine bürgerliche
Stadtkrone, bevor diese Gegenstand individueller Spekulationen werden konnte.
Welch ein grandioses Missverständnis der frühen Moderne, der „Gläsernen Kette“
und des „Arbeitsrats für Kunst“, man könne sich eine Stadtkrone ausdenken und
aufsetzen - als expressionistische Komposition! Vielmehr verdankt sie sich dem
Nebeneinander, Ineinander, Übereinander der monumentalen, dem jeweiligen Zweck
am besonderen Ort entsprechenden Verwendung eines überlieferten
architektonischen Repertoires, das etwas zu verherrlichen hat und dabei
höchstem künstlerischen Ausdruck genügen will. Es sind besondere Häuser, die
hier eine Stadtkrone bilden, feierliche Behausungen für die Kunst.
„Entwurf einer historischen Architektur“ hat 1721 Fischer von Erlach mit
erstaunlichem historischen Einfühlungsvermögen (Kruft) sein monumentales
Konvolut von Stichen genannt, das die Globalisierung in der Erfindung
architektonischer Welten vorwegzunehmen scheint, die sich jeweils an Bilder
damals bekannter Weltkulturen knüpfen. Er wollte „das Auge der Liebhaber
ergötzen und den Künstlern zu Erfindungen Anlass geben“. Er nannte dieses 1705
in Angriff genommene Werk „ein unschuldiges Zeitvertreib“. Ist Fischer von
Erlachs ausgreifender Blick die Ankündigung globalen Interesses, so geht es
Maximilian Meisse um Fokussierung und Intensivierung.
Meisse schafft mit der Kamera eine historische Architektur, die das latente
Eigene aufzuspüren sucht, das verschüttete und vergessene „Spreeathen“, das
in der Museumsinsel immer noch oder besser wieder eine ganz überwältigende
Präsenz zu entfalten beginnt, für den, der sich neugierig auf den Weg macht,
diesen Kosmos zu entdecken. Er umkreist die Museumsinsel und dringt immer
wieder in sie ein, tritt zurück und hält sich an einem Detail auf, schweift
ab, um dann umso akribischer eine Schichtung und Staffelung von Bauteilen
einzufrieren, die über Generationen entstanden ist und die wir so nie gesehen
haben. Das sind die ausdrucksstärksten Bilder, die Ausschnitte verschiedener
Gebäude zusammenfassen und zeigen, wie innerhalb eines begrenzten tektonischen
Repertoires eine üppige Ausdrucksvielfalt entstehen konnte, die sich doch zu
einer verblüffenden Homogenität fügt. Ungläubig blättern wir durch die Bilder,
vor und zurück, das soll die Museumsinsel sein, das ist tatsächlich Berlin?
Wir gehen durch die S-Bahn-Unterführung mit ihrer Graffitikunst und werfen
unversehens einen Blick auf diese Museumsinsel: einen Blick in Griechenlands
Blüte, nicht länger eine Toteninsel, bei aller Liebe zu den wunderbaren
Böcklin-Bildern, die hier zu Hause sind. Doch wie bei Böcklin ist hier nichts
abgestellt, alles drängt aus der Erde heraus, von Stützmauern gehalten – gegliederte
Masse, die es zum filigranen Gesims drängt und zur
akanthusgeschmückten Säule. Nur deshalb geht die Querung der S-Bahn so
selbstverständlich in das romantische Bild ein. Was am Hauptbahnhof bloß
funktioniert, hier wird es zum Ereignis. Selten begegnen wir Versatzstücken
unserer modernen Zivilisation, ein Bagger hier, ein einsamer Bauwagen unter
einer Brücke und die Baustelle der James-Simon-Galerie. Was für Geräte
lassen wir auftreten und wie eingeschüchtert wirkt unsere Architektur! Welche
Kraft in der historischen Profilierung des Neuen Museums und welche Ermattung
im Neubauteil! Nur der Fernsehturm ragt aus einer anderen Welt hin und wieder
in das Bild, noch nicht einmal störend, ist er doch einer der wenigen
Gebäudetypen der Moderne mit einer gewissen Eleganz in der Stadtsilhouette.
Wenn das Bodemuseum erleuchtet ist, verspürt man sogar eine Annäherung: Auch
moderner Architektur ist ein Anflug von Schönheit nicht abzusprechen, nachts.
Eine Freude an tektonischer Morphologie bricht sich immer wieder Bahn:
Backsteinpfeiler über kanneliertem dorischen Säulenfragment; filigranes
Gebälk mit mennigefarbenem Doppel-T-Träger; gestaffelte Kolonnadenmotive:
Spreekolonnade, Front der Alten Nationalgalerie, Portikus des Neuen Museums.
Vorherrschend sind Materialfarben, Stein, Backstein und Putz (der oft Stein
nachahmt). Merkwürdig korrespondieren die Reste der Wandfresken im Neuen
Museum vor der Restaurierung mit den eingangs bemerkten Graffiti. Und das Rot
auf Plakaten und Fahnen irritiert mächtig.